Brettspiele + Digitalisierung

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Am Wochenende fanden in Weilburg die 10. Spieleautorentage statt. Manuel und Jonas haben im Brettspielelabor aus ihrer – jugendlichen 🙂 – Sicht bereits über die Veranstaltung berichtet. In den Spontanworkshops – so eine Art Mini-Barcamp am Samstagabend – habe ich mit Frank Zirpins und Karsten Höser zusammen über die offene Frage „Brettspiele + Digitalisierung?“ diskutiert. Wir haben gemeinsam überlegt, wo wir Auswirkungen der Digitalisierung als langfristigen Prozess technischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen auch im Bereich der Brettspiele beobachten können. Die noch nicht systematisierte Übersicht möchte ich hier gerne teilen und für weitere Diskussionen zur Verfügung stellen. Vielleicht fallen dem ein oder der anderen Leserin noch weitere Aspekte ein, die  sich noch hinzufügen ließen.

Digitalisierung & Brettspiele, Spieler, Autoren und Verlage

  • Zunächst das aus Autorensicht vielleicht Naheliegendste, schon so Selbstverständliche, dass vermutlich schon gar nicht mehr als Veränderung wahrgenommen wird: Im Gegensatz zu der Arbeit als Autor von vor 20 oder 25 Jahren arbeiten Spieleautoren heute mit Office-Programmen, um ihre Regeln zu schreiben und gestalten, ein Teil der Materialien ihrer Prototypen gleichfalls bereits mit dem Computer. Der 3D-Druck bietet hier noch einmal neue, erweiterte Möglichkeit, selbst professionelle Entwürfe für Spielmaterialien zu kreieren.
  • Durch E-Mail, Messenger-Dienste, Online-Dokumente und Videotelefonie z.B. über Skype ist die Zusammenarbeit von Autoren deutlich vereinfacht worden. Fast unabhängig vom Wohnort lassen sich sogar länderübergreifend gemeinsam Spiele entwickeln, im Extremfall sogar ohne dass sich die Autoren in dieser Zeit persönlich begegnen. Dies gilt auch für den Kontakt und die Zusammenarbeit mit Verlagen und in der Produktion mit den Herstellern der Spielmaterialien. Das Web hat Brettspiele zu einem internationalen Business gemacht.
  • Dazu gehört auch das Crowdfunding. Kickstarter vermeldete im März 2017, dass seit 2009 insgesamt 10.000 Spiele mit einem Gesamtvolumen von 613 Millionen Dollar erfolgreich über die Plattform finanziert wurden. Crowdfunding ist als Möglichkeit der Projektfinanzierung auch der Digitalisierung geschuldet, im engeren Sinn der Möglichkeiten des WorldWideWeb. Crowdfunding bietet neue Publikationsmöglichkeiten unter Ausschaltung von Zwischeninstanzen direkt vom Autor/Verlag an die Spieler. Während hier in den letzten Jahre eine zunehmende Professionalisierung und Zentralisierung zu beobachten ist, bleibt abzuwarten, wie sich das Crowdfunding auf den Brettspiel-Markt langfristig auswirkt. Vorstellbar ist durchaus eine Trennung von zwei Märkten: ein über Crowdfunding und weltweite Direktvermarktung funktionierender Markt für komplexer Spiel mit einer überschaubaren Zielgruppe und daneben der Massenmarkt, der über Internetversandhäuser, große Warenhäuser, Buchhandlungen und Spielwarenläden läuft.  Eine Frage wird sein, wo sich die kleinen Spieleläden in ein paar Jahren wiederfinden werden.
  • Die Bereitstellung von Print- und Play-Versionen des eigenen Spiels sowie Online-Plattformen wie z.B. Tabletopia ermöglichen gerade für komplexe Spiele mit hohem  Testbedarf viel breitere Möglichkeiten um ausgereifte Prototypen spielen und testen zu lassen.
  • Neben die etablierten Zeitschriften und Magazine im Brettspielbereich sind zunehmend große Webseite wie BoardGameGeek aus den USA  oder TricTrac in Frankreich getreten sowie zahlreiche Blogs und Video-Kanäle, in denen sich Ankündigungen und Rezensionen zu Spielen finden. Interessanterweise ist im Zusammenhang mit der insgesamt boomenden Spieleszene zu beobachten, dass die Online-Angebote den Print nicht ablösen, sondern hier zum Teil sogar steigende Abonnementzahlen zu verzeichnen, sogar neue Printzeitschriften wie z.B. die 2016 erstmalig erschienene „Spiel Doch!“ entstehen.
  • Mittlerweile auch schon eine Selbstverständlichkeit zu erfolgreichen Brettspielen (Kartenspiele immer mitgedacht) werden auch Apps auf den Markt gebracht, von denen die Verkaufszahlen und Umsätze durchaus bedeutsam sind und einen Teil des Branchenbooms ausmachen. Umgekehrt gibt es aber – auch wiederum vor allem über Kickstarter vorfinanziert – Brettspielumsetzungen von bekannten Videospielen. Beispielhaft seien hier „Dark Souls“ und „This War of Mine“ aus dem letzten Jahr genannt. Anfang des Monats war übrigens zu lesen, dass nun auch alte Atari-Spiele als Brettspiele neu umgesetzt werden. Da könnte sich ein Trend anbahnen, der erst am Anfang steht und vielleicht beide Spielwelten – die analoge und digitale – ein Stück näher zusammenführt.
  • Unabhängig von direkten Adaptationen orientieren sich einige Brettspiele in Design und/oder Thema auch an Videospielen. Zu nennen wären hier für die Orientierung an typischen Grafikelementen aus Videospielen z.B. auf den Spielertableaus bei Scythe, für thematische und grafische Adaptionen u.a. Adrenalin oder Heldentaufe. Brettspiele sind immer Spiegel ihrer Zeit und die Bedeutung und Popularität von Videospielen ist unzweifelhaft ein Merkmal unserer Epoche.
  • Zu nennen sind auch die „Experimente“ für hybride Brettspiele mit „App-Unterstützung. Die App übernimmt dabei bislang unterschiedliche Funktionen: a) Erzählen der Geschichte/Atmosphäre/Musik, b) Verwaltungsaufgaben, Punkte zusammenrechnen etc. und c) die App macht das Smartphone oder Tablet selbst zum Spielmaterial so z.B. in World of Yo-Ho, wo das Smartphone zum Schiff auf dem Spielbrett wird, oder in Roar! Fang das Monster, wo das Tablet einen Spieler das Monster sehen und bewegen lässt, in dem das Brett virtuell durch die App „erweitert“ wird.
  • Zuletzt finden sich seit einigen Jahren immer neue Variationen digitaler Spielbretter und virtueller Projektionsmöglichkeiten, zuletzt das Sony Xperia Touch („Mit dem Sony Xperia Touch kann ein Tisch auch zum Brettspiel 2.0 werden“), die zugleich auch die Regeleinhaltung kontrollieren und nicht mehr wie die elektronischen Schachbretter früher nur für ein Spiel gebaut werden, sondern hunderte von Spielen spielbar machen, dabei aber zunehmend auf physische Materialien verzichten.

Besonders spannend fand ich die historische Tiefe, die Karsten und Frank dem Thema geben konnten. So verwiesen beide auf das Spiel „Atmosfear„, das Anfang der 1990er Jahre versuchte, eine VHS-Videokassette ins Spiel zu integrieren. Auch die Interaktion mit anderen Medien ist nicht neu: Basierend auf dem Brettspiel „Scotland Yard“ wurde seit 1986 eine eigene Hörspiel-Serie kreiert, die auf – damals der neue heiße Scheiß – Audiokassetten verkauft wurde. Und wer glaubt, dass Sprachhinweise in Apps was Neues für Brettspiele wären, der hat vermutlich „Yvio“ vergessen. So hieß es in einem Beitrag auf heise.de 2008: „Wer bei Gesellschaftsspiele-Abenden gern auch mal Neulinge mit hinzunimmt, ohne dass jedesmal lange Spielanleitungen zu wälzen sind, wird möglicherweise die digitalisierte Stimme von Yvio schätzen […]“.

Damit soll gar nicht gesagt, alles war schon da. Brettspiele spiegeln immer die Zeit und Gesellschaft wieder, in der sie entwickelt, veröffentlicht und ggf. in Überarbeitung auch neu veröffentlicht werden. Insofern verwundert es wenig, dass mit jeder neuen (Medien-) Technologie Versuche einhergehen, diese mit Brettspielen zu verbinden. Verwundern mag es hingegen, zumindest mich verwundert es, dass es keiner dieser Ansätze zur Technikintegration in Brettspielen bislang in der Breite angekommen ist. Soweit ich das überblicke, sind die Versuche immer auf einzelne Brettspiele oder Brettspielreihen beschränkt geblieben. Es wäre einmal eine überaus reizvolle Aufgabe, einen Überblicksbeitrag über die Geschichte von neuen Technologien in Brettspiel zu schreiben… wer weiß, vielleicht findet sich ja nach Lesen des Beitrags jemand, der sich des Thema annimmt.

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2 Kommentare zu „Brettspiele + Digitalisierung

Gib deinen ab

  1. Ja, ein sehr interessantes Thema, erfordert aber auch viel Recherchearbeit. Mal schauen, wann ich dazu Zeit finde 😉
    Dein Einblick ist schon mal ganz gut! Yvio kannte ich gar nicht. Schade, dass es sich nicht durchgesetzt hat.
    Das mit dem Xperia ist auch gut. Schöner finde ich aber den Play Table, der bald rauskommen wird

    Gefällt 1 Person

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